Prix Jan Michalski 2014

Medienmitteilung

Der Jan Michalski-Literaturpreis 2014 wurde verliehen an Serhij Zhadan für Die Erfindung des Jazz im Donbass

Montricher, den 28. November 2014 – Heute wurde der fünfte Jan Michalski-Literaturpreis verliehen, der mit 50’000 CHF und einem dieses Jahr speziell durch den Fotografen Maurice Schobinger angefertigten Kunstwerk dotiert ist. Ausgezeichnet wird ein junger ukrainischer Autor, Serhij Zhadan, der mit seinem ersten, ins Französische übersetzten Roman Die Erfindung des Jazz im Donbass (La Route du Donbass) ein fantastisches Epos über die Wirren der postsowjetischen Zeit präsentiert.

Es ist ein rasanter Text voller Humor, akzentuiert durch Geistesblitze, gespickt mit unwahrscheinlichen Exkursen, welcher lustvoll die allzu beruhigenden Konventionen verwischt. Denn es bedarf sicherlich eines etwas «verrückten» Buches, um eine so komplexe Realität wie die der Ukraine kurz vor den jüngsten Ereignissen zu schildern: Eine Welt von Clans und Gewieftheiten, von an die Stelle der offiziellen Gesetze tretenden Codes, von illegalem Handel, Tricks und Schwindel – eine Welt, in der man zusammenhalten und sich am Leben festkrallen muss; eine Welt, in welcher der Wunsch nach Freiheit die Religion ersetzen kann.

Aber wer ist dieser Hermann, den sie alle lieber Harry nennen und der in eine Geschichte verwickelt ist, die ihn kreuz und quer durch das Land reisen lässt, ihn von einer Begegnung zur nächsten, von Zwischenfall zu Zwischenfall und von Alkoholexzess zu Alkoholexzess treibt, bis zum Tod seines alten Kumpels Schura dem Krüppel, an einem unglücksträchtigen, schwarzen Tag auf einem stillgelegten Flugplatz, den lokale Schurken gewaltsam übernehmen wollen?

Alles beginnt an einem Donnerstag früh um fünf Uhr, als der alte Kotscha anruft und Probleme ankündigt: Harrys Bruder, der alle möglichen Aufgaben erledigte, hat sich nach Amsterdam abgesetzt und nicht die Absicht, zurückzukehren. Er hat seine Kameraden verlassen, die sich nun um eine Tankstelle kümmern müssen. Vielleicht aus Lust, wieder an die Orte seiner Jugend zurückzukehren, vielleicht aber auch, weil er die tagtäglichen Mauscheleien der Verwaltung und Politik satt hat, beschliesst Harry, vor Ort nach dem Rechten zu sehen. Das ist der Beginn einer langen Aneinanderreihung unglücklicher Umstände, mit eigenwilligen Personen und bewundernswerten Frauen. Alles ist in rasanter Bewegung, üppig und barock, lodernd und verkommen. In diesem Umfeld häufen sich die Ruinen und Völker prallen aufeinander. Die Menschen erfinden die Art des Zusammenseins ganz neu. Ein Verlierer zu sein ist für einige von ihnen keine Niederlage, sondern eine Lebenskunst.

Der scharfsinnige Blick Serhij Zhadans und sein Talent, die Realität durch die Macht der Sprache zu verzerren, machen aus Die Erfindung des Jazz im Donbass ein seltenes Buch, verfasst in einem aussergewöhnlichen Ton und unzweifelhaft notwendig: Es ist ein grosser Roman über die Wirren der postsowjetischen Zeit.

Serhij Zhadan wurde 1974 in Starobilsk in der Bergbauregion der Ost-Ukraine geboren und war an den Protesten auf dem zentralen Platz der Bürgerrevolution, dem Majdan, beteiligt. Eines seiner aktuellen Projekte: mit ein paar Freunden die Lenin-Statue in Charkiw absägen. Diese Idee hat in der russischsprachigen Stadt zu lebhaften Auseinandersetzungen geführt, die soweit gingen, dass Serhij Zhadan am 1. März 2014 bei einer Demonstration durch pro-russische Aktivisten brutal niedergeschlagen wurde.

Serhij Zhadan schreibt seit vielen Jahren Texte und Gedichte. Er organisiert Musikfestivals und Debatten. Er ist Rocksänger, aber auch Experte für ukrainischen Futurismus (zu diesem Thema hat er promoviert). Die Erfindung des Jazz im Donbass wurde 2010 veröffentlicht und stiess auf bemerkenswertes Echo.

Der Jan Michalski-Literaturpreis 2014

Der Jan Michalski-Literaturpreis wurde 2010 ins Leben gerufen. Er ist mit 50’000 Schweizer Franken sowie einem Kunstwerk dotiert und wird jedes Jahr von einer internationalen Jury verliehen. Er zeichnet sich durch seine multikulturelle Ausrichtung aus und versteht sich als Beitrag zur internationalen Anerkennung diverser Autoren. Unter der Präsidentschaft von Vera Michalski-Hoffmann setzte sich die Jury dieses Jahr zusammen aus Marek Bienczyk, Yannick Haenel, Isabel Hilton, Ilma Rakusa und Ugo Rondinone. Nicht nur Die Erfindung des Jazz im Donbass, sondern auch zwei weitere Werke überzeugten die Jury: Dispatcher: Lost and Found in Johannesburg von Mark Gevisser sowie Der Geschmack von Asche: Das Nachleben des Totalitarismus in Osteuropa von Marci Shore.

Der Jan Michalski-Literaturpreis wird im fünften Jahr in Folge verliehen. Die bisherigen Preisträger waren 2013 Mahmoud Dowlatabadi mit seinem Roman Der Colonel, 2012 Julia Lovell mit ihrem historischen Essay The Opium War, 2011 György Dragomán mit seinem Roman Der weiße König und 2010 Aleksandar Hemon mit seinem Roman Lazarus.

Weiterführende Informationen und Kontakt:

Fondation Jan Michalski pour l’Ecriture et la Littérature

En Bois Désert – 1147 Montricher

Tel. +41 21 864 01 01

Kontakt: info@fondation-janmichalski.ch

www.fondation-janmichalski.com

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